Wie eine blaue Flaschenpost Jahrhunderte maritime Geschichte verbindet
Anatol FrankeWie eine blaue Flaschenpost Jahrhunderte maritime Geschichte verbindet
Eine einfache blaue Flasche, die 2015 in den Atlantischen Ozean geworfen wurde, ist Teil einer langen maritimen Tradition geworden. Flaschenpost hat im Laufe der Jahrhunderte vielfältige Zwecke erfüllt – von der wissenschaftlichen Forschung bis zur geheimen Spionage. Eines der frühesten dokumentierten Beispiele stammt von Christoph Kolumbus, der diese Methode 1493 nutzte, um seine Entdeckung Amerikas festzuhalten.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gewann die Praxis wissenschaftliche Bedeutung. Zwischen 1864 und 1936 setzte das Deutsche Hydrographische Institut etwa 5.000 Treibflaschen aus, um Meeresströmungen zu erforschen. Die erste davon, 1864 vor der Küste Australiens ausgebracht, spülte drei Jahre später in der Nähe Londons an. Gleichzeitig verschickte die Deutsche Seewarte (das maritime Observatorium) rund 1.000 Flaschen in derselben Zeit, von denen etwa 10 Prozent geborgen wurden – meist in der Nordsee oder an den Küsten Großbritanniens und Skandinaviens.
Von starken Strömungen getragen, konnten die Flaschen weite Strecken zurücklegen. Manche spielten sogar eine gefährliche Rolle in der Spionage und setzten diejenigen, die sie fanden, Risiken aus. Doch für viele bleibt die Flaschenpost eine romantische Geste. Jörg Wanke, ein 66-jähriger "Inseljunge im Herzen" von der Insel Usedom, kennt die Legenden gut. Am 23. Oktober 2015 warfen er und seine Frau Cornelia von Bord des Kreuzfahrtschiffs Star Flyer – irgendwo zwischen Madeira und Gran Canaria – ihre eigene Botschaft ins Meer. Ihre Nachricht, in einer blauen Flasche gerollt, gesellte sich zu unzähligen anderen, die auf See verloren gingen – oder gefunden wurden.
Die Flasche der Familie Wanke ist nun Teil einer jahrhundertealten Geschichte. Von Kolumbus' frühen Aufzeichnungen bis zu modernen wissenschaftlichen Experimenten haben diese treibenden Botschaften Strömungen verfolgt, Geheimnisse transportiert und Fremde über Ozeane hinweg verbunden. Noch heute spülen manche an Land und gewähren Einblicke in die Vergangenheit.






